Die Moore im Emsland und in der Grafschaft wurden durch Moorbrände kultiviert.
 

Die ersten Siedler im Moor

 

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  Moorkultivierung (Biologie Seite)

Vom Moor zum Nutzland (Expedition Moor)

Viele Jahrhunderte hatten die Menschen Angst von dem lebensfeindlichen und unheimlichen Moor. Insbesondere das Bourtanger Moor, das von Wietmarschen im Süden bis zur Grenze Ostfrieslands im Norden eine schwer zu durchdringende Verkehrsbarriere bildete, geriet in der frühen Neuzeit in den Blick der wachsenden landlosen Bevölkerung.

Bis dahin wurden lediglich die Randflächen von den benachbarten und auf Sandböden angelegten Dörfern zum Torfstich oder als Schafweide genutzt. Die Hochmoore selbst blieben ungenutzt. Doch die Bevölkerung wuchs – und durch das Anerbenrecht, nach dem der Besitz eines Bauern ungeteilt auf den ältesten Sohn überging, stieg die Zahl der landlosen Einwohner.

Die übrigen Söhne des Bauern mussten entweder als unverheiratete Onkel auf dem Hof bleiben und für den älteren Bruder arbeiten, oder verheiratet als Heuerleute in starker Abhängigkeit vom Bauern leben. Doch auch die Zahl der Heuerstellen war begrenzt. So blieb bald den Nachgeborenen, die eine eigene Familie gründen wollten, nur die Wahl zwischen Auswanderung oder Moorkolonisation. Infolgedessen entstand in der Grafschaft als erste Moorkolonie auf Initiative des Predigers Johann Piccardt 1647 die "Piccardie".

Zur Sicherung der Grenze zu den Niederlanden, die mitten durch das Bourtanger Moor verlief und deshalb zunächst noch nicht genau festgelegt werden konnte, durch menschliche Siedlungen und um der einheimischen landlosen Bevölkerung ein Auskommen in der Heimat zu bieten, ließ der Fürstbischof von Münster die Grenze im Moor vermessen und genehmigte 1788 gegen den Widerstand der Dörfer am Moorrand die Errichtung neuer Siedlungen auf Sandzungen im Moor.

Es entstanden die Ortschaften Neurhede, Neudersum, Neusustrum, Hesepertwist, Rühlertwist, Neuversen, Hebelermeer, Rütenbrock, Schwarzenberg und Lindloh im Emsland sowie bereits zuvor Schwartenpohl, heute ein Ortsteil von Wietmarschen in der Grafschaft Bentheim. Aber schon vorher hatten sich ohne landesherrliche Unterstützung und bekämpft von den Bewohnern der Altdörfer wagemutige Heuerleute als Siedler ins Moor begeben.

Aber die Bauern der Altdörfer vertrieben sie immer wieder aus Furcht, selbst nicht mehr ein genügendes Auskommen zu finden. Vier siedlungswillige Heuerleute hatten allerdings eine Genehmigung der Dalumer Markenberechtigten und das Wohlwollen der Regierung, als sie sich 1764 am „Schwarten Pohl“, einem erst 1953 trockengelegten Moorsee, niederließen. Darauf entstand die Siedlung Schwartenpohl.

Die Moorsiedler führten ein sehr hartes und entbehrungsreiches Leben. Sie wohnten lange in primitiven Plaggenhütten. Ihr Schicksal fasst ein bekanntes Sprichwort zusammen: „Der ersten Generation der Tod, der zweiten die Not und der dritten das Brot!“

Hauptnahrung der Siedler war der Buchweizen. Um diese Knöterichart anbauen zu können, wandten sie die Moorbrandkultur an. Dazu entwässerten die Siedler das Moor oberflächlich durch kleine Gräben im Abstand von einigen Metern. Eine großräumige Entwässerung durch Kanäle konnten sie – ohnehin stets ohne staatliche Unterstützung – nicht leisten. Anschließend hackten sie die oberste Bodenschicht im Herbst mühselig auf, damit sie austrocknete.

Im Frühjahr, nach den Nachtfrösten und einem nochmaligen Auflockern der obersten Bodenschicht, folgte der nächste Bearbeitungsschritt. Professor Mauritz Detten aus Münster machte 1794 eine Wanderung durch die Moorregion und schrieb darüber:

„Wenn der Moorgrund zum Buchweizenbau soll benutzt werden, so wird im Frühjahre die Heide angesteckt und abgebrannt. Der Brand wird in Schranken gehalten durch Gräben zwischen den Stücken, welche in der Folge zur Abwässerung dienen. Durch die Abbrennung der Heide wird der Boden so fruchtbar, daß er an die 8 Jahre ohne allen Dünger, den besten Buchweizen liefert.

Nach der Zeit müssen die Felder an 30 Jahre brach liegen, ehe sie wieder auf diese Art können benutzt werden. … Die verbrannten Pflanzentheile können den Dünger abgeben … Vorzüglich müssen die Salze der Pflanzenasche den Boden erweichen. … Von diesem Moorbrande kömmt der sogenannte Heerrauch (riechend wie verbrannte Haare) bei uns her; wenn die Felder im Frühjahre brennen, so wird uns beim Nordwinde der Rauch natürlich zugewehet. Des Morgens gegen 10 Uhr fängt man an zu brennen: denn eher pflegt der Tau nicht verschwunden zu seyn, und gegen Abend hat der Wind den Rauch schon bis Münster gewehet.“

Die Asche der obersten Bodenkrumme enthielt wichtige Mineralien und wirkte als Dünger. In die fruchtbare Asche wurde Buchweizen gesät, der im Herbst geerntet werden konnte. Allerdings ist der Buchweizen sehr kälteempfindlich. Späte Bodenfröste, die häufig im Moor vorkamen, gefährdeten regelmäßig die Ernte. Setzten starke Fröste zur Unzeit ein, so gab es anschließend Hunger bei den Moorsiedlern, manchmal kam es zu regelrechten Hungersnöten.

Der Moorbrand führte zu einer Landschaftsveränderung. Teilweise wurden die Gebiete zu vegetationslosen Pulvermooren. An anderen Stellen sackten die Moore ab und ihr Nährstoffhaushalt änderte sich. Große Flächen mussten Jahrzehnte nutzlos brach liegen, bis sie wieder für den Buchweizenanbau nutzbar waren.

Der Rauch des Moorbrennens belästigte die Menschen je nach Wind und Wetter über Hunderte von Kilometern und schädigte ihre Atemorgane. Die „Bentheimer Zeitung“ berichtete am 27. Mai 1903:

„Als unangenehmer Gast stellte sich am Sonnabend nachmittag der Moorrauch ein und zwar war er diesmal so stark, wie wohl selten zuvor; er drang durch alle Fugen, so daß auch die Wohnungen von dem unangenehmen Geruch des Moorrauchs erfüllt waren. Die Zeit des Moorbrennens läuft eigentlich mit dem 15. März ab, da aber die Ungunst des Wetters das Brennen überhaupt bis zum Ablaufstermin nicht zuließ, so ist hierfür eine Verlängerung eingetreten. Damit werden wir denn auch wohl noch häufiger diesen unangenehmen Gast haben.“

Im Jahr 1923 wurde die Moorbrandkultur verboten. - Helmut Lensing

 

Die oberste Bodenschicht wurde gelockert und nach dem Trochnen angezündet
 
Vorgang des Moorbrennens als Vorbereitung zur Einsaat.
 
Buchweizenfeld in Georgsdorf
 
M. A. F. Prestel, Verbreitung des Moorrauchs , in "Journal für Landwirtschaft", Göttingen 1868
 
Die Grafschaft Bentheim in der Geschichte

Quellen:

- Ulf-Karl Wulkotte, Das Emsland in alten Reiseberichten des 18. und frühen 19. Jahrhunderts, Sögel 1978, S. 34-35.

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