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Die
Grafschaft Bentheim in der Geschichte
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Der 1. Weltkrieg in einem kleinen Grafschafter
Dorf - 1914
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In der Schulchronik der
Schule Lage finden sich ausführliche Aufzeichnungen der Lehrer Sager
und Auf dem Kamp über die Jahre des 1. Weltkrieges. Sie sind ein
eindrucksvolles Zeitdokument. Festgehalten werden Mitteilungen über die
Toten des Krieges, über große und kleine Ereignisse des Dorflebens
dieser Jahre, spürbar wird auch, wie die politisch-militärische
Entwicklung zu wirtschaftlichem Niedergang und allgemeiner
Niedergeschlagenheit führte. Alles begann jedoch im Gefühl nationaler
Überheblichkeit und allgemeiner Kriegsbegeisterung. |
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In
Lage wurde die Mobilmachung am Sonnabend, dem 1. August 1914, bekannt. Lehrer
Sager hält dazu fest:
An diesem ewig denkwürdigen Tage
war’s, als der eiserne Reifen geworfen, als vom Lügengerede unserer uns
hassenden Feinde der Vorhang fiel und wir vor der nackten, grausigen Wahrheit
standen: nur mit ungeheuren Opfern von Gut und Blut gegen Neid und Hass und Lüge
mächtiger Feinde war unsere Weltmachtstellung zu verteidigen. ... Sollten sich
die germanischen Kaiserreiche an die Wand drücken lassen! Nein und abermals:
nein! Aber gegen Treubruch und Ehrlosigkeit prallten die heißesten Bemühungen
unseres Kaisers um den Weltfrieden ab.
So
wurde heuer wieder der Landmann von Pflug und Haus unter die Fahnen
gerufen, unser friedliches Volk musste das Schwert ergreifen. ... Bis dann
plötzlich der schrille Ruf „Mobil“ die Leute von ihrer emsigen Arbeit
auffahren ließ! Das war am Sonnabend abends bald nach ½ 7 Uhr, da ruhten
in unserem Dorfe alle Sensen und Arme, und erregte Gruppen standen allerwärts
auf der Straße, die mit ernsten Mienen die Lage erörterten.
Wir gehen fehl, wenn wir annehmen, in
Liedern, Reden und Hochrufen äußern sich in einem kleinen Dörfchen wie Lage
spontane Begeisterung – nur die Tat sollte von dieser zeugen, wie späterhin
dargetan werden soll.
Unser Landbewohner, in dessen
Gesichtskreis seine Äcker und Weiden, seine Familienangehörigen und all seine
ureigensten Interessen zunächst alles fern liegende verdrängen, fragt sich
sogleich: „Wer von den Deinen muss mit ins Feld? Ob er wiederkommt?“ Und
diese Fragen brachten manchem Mutterauge Tränen und Schluchzen hörte man bei
der jungen Gattin, die doch so stolz auf ihren strammen Reservisten gewesen war.
…
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Unbekannter
Soldat im 1. WK
- Bild: Digitales Archiv Lage
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Am
Donnerstag, dem 5. August, fand in Lage wie in anderen Orten ein Betgottesdienst
statt. Die Furcht vor fremden Kraftfahrzeugen, Fliegern und Spionen war groß.
Daher wurde eine Bürgerwehr eingerichtet, die an gefährlichen Punkten Wache
halten sollte. Vorsteher v. d. Kamp rief sämtliche männliche Personen des
Dorfes in der Schule zusammen, um die Aufgaben der Wehr zu erklären und den Männern
den Eid abzunehmen. An mehreren Stellen standen seitdem ständig Posten, die in
der Nacht zu Doppelposten verstärkt und alle 4 Stunden abgelöst wurden. Die
Posten waren zum Teil mit alten Militärgewehren, zum Teil mit Jagdflinten und
Revolvern bewaffnet. Ein Wachhabender stellte nachts die Verbindung zwischen den
einzelnen Posten her. Ähnlich war auch in den benachbarten Gemeinden der Militärdienst
geregelt. Auf einem Bauernhof in einer Nachbargemeinde ereignete sich in der
allgemeinen Kriegshysterie ein schlimmer Unfall. Am 4. August hantierte ein
Junge in der Küche mit einem alten Gewehr. Dabei löste sich ein Schuss, der
die Mutter tödlich verletzte.
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Am
9. August 1914 gründete sich in Lage ein Frauenhilfsverein, der durch Nähen
von Hemden und Stricken von Wollsocken die Arbeit des Roten Kreuzes unterstützen
sollte. Der Verein wurde von der Frau des Pastors Busse geleitet. Eine Sammlung
erbrachte etwa 1.100 Mark und sehr viel Leinen zugunsten des Vereins. Es sollte
einmal wöchentlich gemeinsam im Herrenhaus gearbeitet werden.
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Am
21. August 1915, trafen die ersten Nachrichten vom Sieg über die Franzosen bei
Metz ein. Diese Nachricht löste im Dorf große Begeisterung aus. In der
Schulchronik lesen wir:
… War das ein Jubel und Rufen auf den
Straßen! Am folgenden Vormittag trafen dann nähere Angaben über die Bedeutung
des Sieges ein. Die Schulkinder lagen gerade im Gefecht zwischen Lage und
Neuenhaus beim „Judenkirchhof“, als ein Radfahrerbote die Extrablätter
brachte: Die Verfolgung des Feindes bringt reiche Früchte, über 10.000
Franzosen gefangen, 50 Geschütze erbeutet. Wir quittierten die Nachricht mit
brausendem „Hurra!“ Radfahrer holten die Fahnen herbei, die Mädchen schmückten
sich mit Blumen, die Knaben mit grünem Maien, und dann zogen wir mit Gesang ins
Dorf ein, von dem uns Glockengeläute entgegen tönte. Nachdem wir vor dem
Schulhause halt gemacht hatten, sangen wir – mit Dank zu dem Lenker der
Schlachten aufblickend – „Wir treten zum Beten vor Gott den Gerechten!“
Der Vormittagsgottesdienst am 23. 8.
gestaltete sich zu einer erhebenden Dankesfeier. Stehend sang die ganze Gemeinde
„Nun danket alle Gott!“ Strophe 1 – 3. Da sah man auch in den Augen der
ernsten, festesten Männer Tränen, Tränen des Dankes und der Rührung.
Unvergesslich soll uns auch der
Montagvormittag bleiben, als morgens um 0 Uhr weitere Siegestelegramme gebracht
wurden. Über 150 Geschütze seien allein auf dem linken Flügel – in und bei
den Vogesen – erbeutet, im Norden bei Neufchateau in Belgien sei ebenfalls
eine französische Armee von Herzog Albrecht v. Württemberg geschlagen, viele
Generale gefangen. „Nun lasst die Glocken von Turm zu Turm durchs Land
frohlocken im Jubelsturm!“ Und so geschah’s, der Sieg, die Niederlage waren
vollständig. Wieder holten die Schulkinder die Fahne hervor, alles sang:
„Lieb Vaterland, magst ruhig sein!“ Nach dem Umzug durchs Dorf brachte der
Vorsitzendes des Kriegervereins, Herr A. Liese, das Kaiserhoch aus, worauf alle
entblößten Häupter die Kaiserhymne sangen. Der Unterricht für die folgende
Stunde fiel aus.
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Die
als Soldaten ausgebildeten jungen Männer gehörten dem so genannten
„gedienten Landsturm“ an. Sie hatten sich am 15. August in Lingen zu
stellen. Im August 1914 wurden aus Lage außerdem 3 Pferde eingezogen, die in
Nordhorn abgeliefert werden mussten. Viele versuchten, Reichsbanknoten los zu
werden, weil man deren Wert misstraute. Man hortete Silber- und Goldmünzen, so
dass die Geschäfte bald außerstande waren zu wechseln. Andere verweigerten die
Annahme von Banknoten. Am 11. September 1914 rückten 18 Mann einer
Landsturmkompanie in Lage ein, wurden aber einen Tag später schon wieder
abgezogen. Lehrer Sager, der sich gleich in den ersten Kriegstagen freiwillig
zum Kriegsdienst gemeldet hatte, erhielt die Mitteilung, dass er vorläufig
unabkömmlich bleibe.
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Bis
zu den Herbstferien hatten die 17 Schulmädchen der Ober- und Mittelstufe 33
Paar Socken und 27 Paar Pulswärmer gestrickt, die sie beim Frauenverein
ablieferten. Eine große Sendung Hemden, Laken, Strümpfe gingen an die
Abgabestelle in Nordhorn. Am 17. September bekam jeder im Felde stehende Angehörige
per Post ein Paar Socken und eine Tafel Schokolade geschickt.
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Der
Unterricht der Schule „suchte mit
den Ereignissen der Zeit in steter Fühlung zu bleiben“. In der Geographie
lernten die Kinder etwas über die am Krieg beteiligten Länder und Staaten, in
der biblischen Geschichte und im deutschen Geschichtsunterricht verglich der
Lehrer den Dreißigjährigen Krieg mit dem jetzigen.
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Vom
19. November 1914 bis zum 18. Mai 1915 leistete Lehrer L. Sager Kriegsdienst. Er
wurde von Herrn Tibbe aus Neuenhaus und Herrn Arends aus Halle vertreten. Der
Unterricht musste auf 18 Stunden wöchentlich für die Oberstufe, auf 6 bis 10
Stunden für die Unterstufe gekürzt werden. Lehrer Sager wurde jedoch aus
gesundheitlichen Gründen vom Militärdienst freigestellt und nahm seinen
Schuldienst wieder auf. (...
>>> Fortsetzung)
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Quelle:
Lage
- Geschichte und Geschichten, herausgegeben vom Dorf-, Burg- und Mühlenfreunden
Lage e. V., Lage 2008
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