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Der Aufstieg der NSDAP in Neuenhaus 1930 – 1933
In Neuenhaus wie in der Niedergrafschaft insgesamt war das vorherrschende
politische Bewusstsein in der Zeit der Weimarer Republik prädestiniert dafür,
von der NSDAP für ihre Zwecke instrumentalisiert zu werden. Das drückte sich
zum Beispiel darin aus, dass bereits 1924 der "Völkisch-Soziale
Block", eine Vorläuferorganisation der NSDAP, in Neuenhaus 10,4 Prozent
der Stimmen bei den Reichstagswahlen erreichte.
Ende 1930 wurde eine Ortsgruppe der NSDAP gegründet. Ihr Vorsitzender war
der Kommunalpolitiker und Spediteur Dietrich Schoemaker (1886-1977). Diese
Ortsgruppe hatte im Oktober 1932 schon 120 Mitglieder. Neben Schoemaker wurde
die Ortsgruppe von den Kaufleuten Leonhard Schlüter (1903 - 1970) als Kassierer
und Ferdinand Harger (1909 - 1970) als Schriftführer geleitet.
Bei der Reichspräsidentenwahl 1932 erhielt Adolf Hitler in Neuenhaus 52,4 % der
Stimmen, damit mehr als der noch 1925 von der Neuenhauser Bevölkerung
mehrheitlich gewählte Hindenburg. Das waren deutlich mehr als im Durchschnitt
des Reiches, in dem Hitler im 2. Wahlgang 36,7 % der Stimmen erreichte
(Hindenburg 53,1 %).
Bei den Reichtagswahlen 1928 bekam die NSDAP nur 9 Stimmen (=1,5 %). Zwei Jahre
später stimmten bereits 142 Neuenhauser für die Hitler-Partei (=15%) und im
Juli 1932 erreichte sie 550 Stimmen (=56,4 %), bei den Novemberwahlen 1932 sank
die Stimmenzahl auf 464 (=49,3 %).
Von den anderen Parteien blieb in den letzten Jahren der Weimarer Republik nur
das Zentrum stabil. Es stützte sich in erster Linie auf die katholische Bevölkerung,
deren Anteil in Neuenhaus im Jahr 1925 bei 22,2 % lag. Diesem Anteil entsprachen
weitgehend auch die Abstimmungsergebnisse.
Die Stimmenzahl und -anteile anderer Parteien in Neuenhaus
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1928
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1930
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1932
(I)
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1932
(II)
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Zentrum
|
127
|
20,8
%
|
195
|
20,6
%
|
204
|
20,9
%
|
195
|
20,7%
|
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DVP
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141
|
23
%
|
49
|
5,2
%
|
30
|
3,1
%
|
23
|
2,4
%
|
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SPD
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82
|
13,4
%
|
107
|
11,3
%
|
85
|
9,7
%
|
117
|
12,4
%
|
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DHP
|
60
|
9,8
%
|
16
|
1,7
%
|
7
|
0,7
%
|
6
|
9,6
%
|
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CSVD
|
-
|
-
|
280
|
29,6
%
|
28
|
2,9
%
|
38
|
4,0
%
|
Im Oktober 1932 gab es in der Niedergrafschaft zwei SA-Gruppierungen. Dabei
umfasste der so genannte SA-Sturm 5/62 in Neuenhaus bereits 60 Mitglieder. Ihm
gehörten auch Männer aus Hoogstede, Veldhausen, Grasdorf und Lage an. Leiter
dieser SA-Abteilung war der Uelsener Bauunternehmer Robert Schilling.
Spätestens Ende 1932 besaß die Ortsgruppe der NSDAP ein eigenes Parteilokal,
das das "Braune Haus" genannt wurde. Es war der Partei vom Bürgermeister
August Brill vermietet worden. Im Herbst 1932 konstituierte sich ein
"Nationaler Bauernbund". Die Hitler-Jugend veranstaltete im August
1932 in der Nähe von Neuenhaus ein Zeltlager.
1928 und 1930 richtete der rechtsgerichtete Neuenhauser Kriegerverein das
Bezirkskriegerfest aus. Im Jahr 1930 hatte dieser Verein 170 Mitglieder, das
entsprach etwa 10 % der Einwohnerschaft der Stadt. Beim Bezirkskriegerfest
wurden vor allem die Fahnen des alten Kaiserreiches gezeigt, die
schwarz-rot-goldenen Fahnen der Weimarer Republik führten nur ein
Schattendasein. Der Schützenverein der Stadt war weniger der Politik und dem
Militarismus verschrieben, jedoch sehr mit dem Kriegerverein verbunden. Der
Turn- und Sportverein war stets eine betont vaterländisch ausgerichtete
Organisation gewesen, der 1908 gegründete Verein Borussia führte den
lateinischen Namen für Preußen.
Kurz nach dem 30. Januar 1933, dem Tag der "Machtergreifung",
veranstaltete die Ortsgruppe der NSDAP mit ihren Untergliederungen einen
Fackelzug. Trotz Sturm und Regens bildete sich ein imposanter Zug, angeführt
von der Neuenhauser Musikkapelle. Am 11. und 12. Februar 1933 veranstaltete die
NSDAP zur Vorbereitung der Reichstagswahlen am 5. März 1933 große Kundgebungen
und Aufmärsche für die Niedergrafschafter Ortsgruppen Neuenhaus, Veldhausen,
Uelsen, Wilsum und Itterbeck, ebenso am 4. März, dem Vorabend der Wahl. Von den
Aufmärschen in Neuenhaus berichtete die Neuenhauser "Zeitung und
Anzeigenblatt" aus dem Hause Kip mit begeisterten Schilderungen, die jede
journalistische Distanz vermissen ließen. Am 21. März 1933 folgte bereits eine
weitere Großkundgebung.
Bei den Wahlen am 5. März 1933 erhielt die NSDAP in Neuenhaus 61,1 % der
Stimmen, (im gesamten Reich 43,9 %), das Zentrum blieb als einzige Partei stabil
bei 20,4 % der Stimmen. Alle anderen Parteien - außer der DNVP - verloren
teilweise dramatisch an Zustimmung.
Bei den Kommunalwahlen am 12. März 1933 trat die NSDAP nicht mit einer eigenen
Liste an, sondern gliederte sich in den "Nationalen Block" ein, einer
Liste unter der Leitung des Landwirts Bernhard Vorrink und des Rechtsanwalts
Hans Arends. Auf dieser Liste kandidierte auch der ehemalige Bürgermeister
Leonhard Harger, der vorher der Deutsch-Hannoverschen-Partei nahe gestanden
hatte sowie - auf Platz 10 - der NSDAP-Ortsvorsitzende Dietrich Schoemaker. Außerdem
gab es eine "Beamten- und Angestelltenliste" eine Liste
"Arbeitnehmer" der Eisenbahner und eine "Bürgerliste". Die
Ergebnisse:
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Stimmen
|
Prozent
|
Sitze
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Nationaler
Block
|
528
|
57,0
|
9
|
|
Bürgerliste
|
185
|
20,0
|
3
|
|
Arbeitnehmer
|
116
|
12,5
|
2
|
|
Beamten
und Angestellten
|
98
|
10,5
|
1
|
Zum neuen Bürgermeister wurde Leonhard Harger gewählt. Der bisherige Bürgermeister
August Brill erhielt 6 Stimmen. Zu "Ratsherren", den engsten
Mitarbeitern des Bürgermeisters, wurde Dietrich Schoemaker und Albertus
Hilbrink bestimmt. Bürgermeister Harger starb wenig später im August 1933.
Sein Nachfolger wurde der vormalige Konkurrent August Brill, der bis 1937 im Amt
blieb.
Die Ortspastoren der reformierten Kirche standen traditionell konservativen
politischen Gruppierungen nahe. Von ihnen distanzierte sich nur Anton Rosenboom
vom Nationalsozialismus, er wurde ebenso wie der Rechtsanwalt Hans Arends in der
Leitung der bekennenden Kirche aktiv. Bei den Kirchenwahlen im Juli 1933 setzte
sich der Kirchenrat der reformierten Gemeinde mit der NSDAP-Ortsgruppe ins
Benehmen, so dass eine einvernehmliche Liste aufgestellt wurde. In die
Gemeindevertretung rückten durch die Wahl Dietrich Schoemaker und Ferdinand
Harger ein, ebenso der langjährige Vorsitzende der anfangs linksliberalen
Deutschen Demokratischen Partei, Ludwig Sager.
Am 19. Juli 1933 kam es zu einer gezielten Aktion gegen einen Neuenhauser
Kaufmann, der offenbar noch nicht „auf Linie" gebracht war. Der
Kreisleiter der „Nationalsozialistischen Betriebszellen-Organisation" (NSBO),
Hermann Richter, drang zusammen mit den NSDAP-Anführern Dietrich Schoemaker,
Ferdinand Harger, etlichen SA-Leuten und dem Oberlandjägermeister (Polizist) in
das Haus des Kaufmanns und Kommunalpolitikers Heinrich Nyenhuis ein. Man
beschuldigte ihn unklarer Steuergeschichten und beschlagnahmte seine Geschäftsbücher.
Einige Tage später, als Nyenhuis in Osnabrück weilte, beschlagnahmten
Parteivertreter erneut seine Geschäftspapiere. Heinrich Nyenhuis wehrte sich
und wandte sich schließlich mit Hilfe eines Anwalts an den Landrat, das
Finanzamt und andere Institutionen und konnte belegen, dass alle Anschuldigungen
haltlos waren. Auch der Polizist wurde beschuldigt, seine Amtsbefugnisse an NS-Führer
abgetreten zu haben. Hermann Richter verlor im Verlauf dieser Ereignisse sein
Amt.
Im Juli 1933 wurde der Schlosser Gerhard Sloot in ein KZ verschleppt. Er war
seit 1920 Mitglied der SPD und der freien Gewerkschaften. Im Wahlkampf 1933 überklebte
er Plakate der NSDAP und hielt mit seiner Ablehnung des NS-Staates nicht hinter
dem Berg. Sloot saß drei Wochen im Neuenhauser Gerichtsgefängnis und wurde
anschließend ohne Gerichtsverfahren bis zum 23. Dezember 1933 im KZ Börgermoor
festgehalten.
Im weiteren Verlauf des Jahres 1933 festigte das neue Regime seine Macht auch
dadurch, dass Aktionen zur Schaffung von Arbeitsplätzen und soziale Unterstützungsmaßnahmen
gestartet wurden. So gab es zum Beispiel im Oktober eine Handwerkerwerbewoche.
Jeder Haushalt wurde aufgerufen, Aufträge an örtliche Handwerker zu vergeben.
Hierbei war der "Kampfbund des gewerblichen Mittelstandes" unter Führung
von Ferdinand Harger besonders aktiv. Der „Nationalsozialistische
Kriegsopferverband", das „Winterhilfswerk" und die NS-Volkswohlfahrt
begannen ihre Arbeit. Außerdem wurden u. a. Geldsammlungen für verschiedene
Zwecke durchgeführt. Auf Ortsebene entstanden auch Gruppierungen wie der
"Nationalsozialistische Lehrerbund" und das NSKK
(Nationalsozialistisches Kraftfahrer-Korps).
Bei
der Reichstagswahl im November 1933 war nur noch eine von den
Nationalsozialisten dominierte Einheitsliste zugelassen. Die "Wahl"
wurde mit der Abstimmung über den Austritt aus dem Völkerbund verbunden. Bei
beiden Abstimmungen konnte man nur mit „ja" oder mit „nein"
votieren. Für die Einheitsliste wurden in Neuenhaus bei einer Wahlbeteiligung
von 96,3 % insgesamt 1047 Stimmen abgegeben (= 94,5 %), mit „nein"
stimmten nur noch 61 Wähler. Für den Austritt aus dem Völkerbund votierten
1069 Personen, dagegen nur 14. Damit konnte sich das nationalsozialistische
Regime in Neuenhaus auf eine weitestgehende Zustimmung stützen.
Quelle:
Helmut
Lensing, Vom Ersten Weltkrieg bis zur Durchsetzung der NS-Diktatur, in:
Neuenhaus - Ansichten und Einblicke, Aspekte einer Stadtgeschichte, S. 246 - 299,
Neuenhaus 2011
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