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Die
Grafschaft Bentheim in der Geschichte
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Das
Schicksal der jüdischen Bürger von Neuenhaus 1933 - 1942
von
Wilhelm Sager
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1933 gab es, wie H. Specht im Heimatkalender 1937 ausführt, unter den
61 000 Einwohnern des Kreises Grafschaft Bentheim 156 Juden. Nach den
vorliegenden Unterlagen lebten in jenem Jahre in Neuenhaus 22 jüdische
Mitbürger; es waren Angehörige der Familien
van Coevorden
, Frank
, van der Reis
, Salomons
, Steinburg
, Süskind.
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Ein,
zwei Jahre vorher war eine Familie Johann van Coevorden (drei Töchter)
nach Nordhorn umgezogen. 1924 war Johanne Serphos ("Jöddenhanne")
gestorben; ihre geistig behinderte Tochter Sophie kam in ein Heim in
oder bei Münster und wurde nach 1933 dort "abgeholt".
Die
Juden in Neuenhaus waren - bis auf Johann van Coevorden -
Kaufleute. Sie kauften und verkauften Altwaren (Lumpen, Schrott),
handelten mit Fellen, Wild, schlachteten Schafe, Ziegen, Rinder, trugen
vielfach das Fleisch zu ihren Kunden aus, deren Bestellungen sie vorher
eingeholt hatten. Daneben führte van der Reis einen Schlachterladen und
ein kleines Lädchen, in dem man Stoffe und Mützen kaufen konnte.
Alexander Steinburg war der Inhaber eines Manufakturwarengeschäftes; er
fuhr in früheren Jahren hausierend mit Pferd und Wagen los, kaufte auch
Honig auf. Mit Holzschuhen konnte man sich ebenfalls bei ihm versorgen.
"Jöddenhanne" baute an Kirmestagen ihren Stand auf und hielt
Kurz- und Spielwaren feil, zog in früheren Jahren mit ihrem hundbespannten, später von einem Pferd gezogenen Wagen durch umliegende
Dörfer und Bauernschaften. Ihr unglückliches Kind Sophie begleitete
sie.
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Es ist nicht bekannt, dass je ein jüdischer Mitbürger unserer Stadt
mit dem Gesetz in Konflikt geraten wäre, jedenfalls nicht vor 1933. Sie
handelten und erwarteten auch von ihren Kunden, dass gehandelt und
gefeilscht wurde. Vielleicht war es das, was der Vorstellung manchen
braven Bürgers von einem biederen, reellen Kaufmann widersprach
wobei zu bedenken ist, dass es für das, was ja sehr häufig ihr
Handelsgut war (Altwaren, Felle, Wild, Vieh) bis heute niemals feste
Preise gegeben hat. Die Lumpen- und Schrottplätze, die Lagerräume
mit Rinder-, Schaf-, Hasen-, Kaninchen-, Iltis- und (früher einmal)
Otterfellen, zum Teil eng verbunden mit den Wohnräumen an der Hauptstraße,
erwiesen sich gewiss nicht immer als besonders umweltfreundlich. "Dat
is de Jödde!"
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Dabei
ist zu bedenken, dass viele Neuenhauser Bürger bis in die zwanziger
Jahre hinein Kühe hielten, deren Stalle meistens nach der Straßenseite
lagen ....
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Größerer
Reichtum Neuenhauser Juden war nach außen nicht erkennbar; man darf
annehmen, dass die Familien Süskind, van der Reis (Gärten und Ackerstücke)
und Steinburg gut situiert waren, während die übrigen Familien sich
schlecht und recht durchschlugen. Die van der Reis schickten ihre Kinder
nach dem Besuch der Grundschule Neuenhaus zu Verwandten nach Emden, wo
sie höhere Schulen besuchten. Viktor van der Reis wurde Professor der
Medizin, Hans van der Reis wurde Kaufmann und Dekorateur, der im Dienste
der "Groß-Einkaufs-Gesellschaft deutscher Konsumvereine" für
den Aufbau größerer Ausstellungen verantwortlich war. Hans van der
Reis konnte sich in der Hitlerzeit der Verfolgung entziehen; Viktor van
der Reis konnte Deutschland allerdings erst nach einer Leidenszeit
in einem Konzentrationslager verlassen.
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Ehemaliges Haus der
Familie van der Reis in Neuenhaus. Die Familie war hier bis zur
Deportation am 29.Juli 1942 seit vielen Generationen ansässig. In diesem
Haus mussten sich in den letzten Wochen vor der Deportation alle 23
jüdischen Bürger aus Neuenhaus und Uelsen aufhalten. Alle wurden
zunächst in das Konzentrationslager Theresienstadt gebracht. Nur einer
von den 23 überlebte. Das Haus wurde nach dem 2. Weltkrieg an
Überlebende der Familie zurückgeben, die es im Jahr 1955 verkauften. -
Bild: GBiU
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Johann van Coevorden, ohne Beruf, half hier und dort aus, nahm jede
Arbeit an. An Kirmestagen, an Wochenenden, zu Hochzeiten spielte er mit
seiner Handharmonika zum Tanz auf.
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Alle befragten Mitbürger, zum größten Teil frühere Nachbarn,
bezeugen, dass die hier ansässig gewesenen Juden gute Nachbarn waren
und voll zur Nachbarschaft gehörten. Natürlich sprachen sie
plattdeutsch. (Den Juden Carl van der Linde im nahen Veldhausen darf man
als den Nestor unserer Mundartdichtung bezeichnen; er machte unser
Plattdeutsch sozusagen gesellschaftsfähig.) Sie feierten mit,
wenn es Anlass zum Feiern gab, sie leisteten und beanspruchten Dienste,
wenn in Todes- oder Krankheitsfällen Not am Mann war.
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T. berichtet, dass er von seinen Eltern angehalten worden sei,
freundlich und zuvorkommend auch zu den jüdischen Nachbarn zu sein,
Besorgungen und Botengänge für sie zu machen, wie für andere auch.
Gelegentlich wurde die Nachbarstochter auch gebeten, kleine Küchendienste
zu leisten, Arbeiten, die dem strenggläubigen Juden am Sabbat
untersagt waren. Bei freundschaftlichem wie bei heftigerem Streit wurde
der Ausdruck "Du Jödde!" oder "Wat bisse doch ne Jödde!"
wohl von beiden Seiten nicht besonders ernst genommen und schon gar
nicht als diffamierend und besonders bösartig empfunden.
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Die Kinder waren Schüler wie alle anderen. Weder von Mitschülern noch
von Lehrern wurden sie gehänselt, auf ihre jüdische Herkunft
angesprochen, beleidigt oder als besonderes Element beachtet. Es war
selbstverständlich, dass sie am Religionsunterunterricht nicht
teilnahmen, der, wie Frau S. sich zu erinnern glaubt, eigens wegen der jüdischen
Mitschüler immer auf die erste Unterrichtsstunde gelegt wurde.
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Ihren
eigenen Religionsunterricht erhielten sie sonntags durch einen
Religionslehrer aus Bentheim; an besonderen Feiertagen kam ein Rabbi aus
Emden. Eine Aufnahme aus dem Jahre 1898 zeigt unter den 54 Schülern
sieben jüdische Mitschüler.
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Im
gesellschaftlichen Leben unserer Kleinstadt spielten die jüdischen Mitbürger
keine besondere Rolle; ausgeschlossen waren sie jedoch nicht:
Julius Frank war Mitbegründer des Turnvereins (1907), eifriger aktiver
Turner, von 1919 - 1923 stellvertretender Vorsitzender. Die
Auseinandersetzungen um ein Theaterstück, belastet mit antisemitischer
Tendenz, für dessen Aufführung sich die Mehrheit des Vereins
entschied, veranlassten Julius Frank, aus dem Verein auszutreten.
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Einer
der Brüder van Coevorden gehörte zusammen mit mehreren
Handwerksmeistern einer Runde von Kartenspielern an, die sich regelmäßig
beim "Trotz" (Gastwirtschaft van Dyken) einfand. Und
natürlich gehörten sie 1914 dazu, als die Wehrpflichtigen zu den
Waffen gerufen wurden, soweit sie, wie z. B. Johann van Coevorden, keine
Holländer waren. Viktor und Hans van der Reis, Julius und Ludwig Frank
und Siegmund Süskind waren dabei. Ludwig Frank ist gefallen. Für
besondere Tapferkeit wurde Siegmund Süskind mit dem EK I ausgezeichnet.
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Die drohende Gefahr, die mit Hitlers Machtübernahme auf die jüdischen
Mitbürger zukam, scheint zunächst wohl nur von Jonas van Coevorden
realistisch eingeschätzt worden zu sein. Seine Familie, einige Jahre
vorher nach Nordhorn umgezogen, wanderte 1934 (?) nach Holland
(Enschede) aus. Vielleicht war es für diese Familie einfacher, die
Heimat zu verlassen: sie waren Holländer, hatten holländische
Verwandte und ließen keinen größeren Besitz zurück.
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Im
Übrigen haben, wie die große Mehrheit ihrer deutschen Glaubensbrüder
(und Neuenhauser Mitbürger), auch die Neuenhauser Juden nicht geahnt,
nicht ahnen können, was auf sie zukam. Die ersten scharfen antijüdischen
Gesetze, so das "Gesetz zur Wiederherstellung des
Berufsbeamtentums", betrafen sie nicht unmittelbar, keiner der
Juden am Ort war Beamter. Das laute, schauerliche "Juda
verrecke!" hatte man schon lange Jahre vor 1933 gehört; so ernst
nahm man es auch nicht, als dann die SA die Straße vollends
beherrschte. Es gab 1933 und 1934 Tage des Boykotts: SA-Posten
hinderten Kunden daran, jüdische Geschäfte zu betreten. Das war lästig
und geschäftsschädigend, aber zu überstehen.
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Ein
Beobachter berichtet: van der Reis, vor seiner Tür, zum SA-Posten:
"Wot di dat Stoahn doar nich wenner langwielig?" "Och,
kann'k nich seggen, hier kann'kt wa hadden!". Eine erhaltene
Aufnahme vom 1. Mai 1933 zeigt eine Nachbarschaftsgruppe unter dem von
ihr errichteten Festbogen, der sich vom Hause Vornberg zum gegenüberliegenden
Hause über die Hauptstraße spannte. Hakenkreuzfähnchen hatte man ins
Tannengrün und Wacholder gesteckt. Unter dem Bogen die Nachbarschaft,
in der letzten Reihe der Gruppe, erhöht, junge Männer mit dem
Hitlergruß, und in der Gruppe mehrere Angehörige der Familie van
der Reis, offenbar wie alle anderen froh des gelungenen gemeinsamen
Werkes.
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Doch
die von oben gelenkte antisemitische Kampagne, die täglich gereichte
Giftspritze durch Presse und Funk, eine Gesetzgebung, die die bürgerlichen
Rechte der Juden immer mehr beschnitt, stetig wachsender Terror durch
die Partei und ihre SA, die die "Unbelehrbaren" unter Druck
setzte, schufen in den folgenden Jahren ein Klima, das Nachbarschaften
und alte Freundschaften allmählich zerfraß und zerstörte.
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Das
Jahr 1938 zeigte mit einer Fülle von antijüdischen Gesetzen und
Verordnungen (Anmeldung aller jüdischen Vermögen und Vermögenswerte,
Ausschaltung aus dem Wirtschaftsleben, Einziehung der Reisepässe und
Erschwerung der Neuausgaben, Änderung von Familien- und Vornamen,
Verbot von Kino- und Theaterbesuch, Einschränkung der
Bewegungsfreiheit, Einziehung des Führerscheins) und dem Terror der
Kristallnacht auch den Neuenhausern, dass die Machthaber es nicht bei
Beschimpfung und Diffamierung bewenden ließen, sondern rücksichtslos
durchgriffen; und doch war der tödliche Ernst ihrer Lage weder den
Betroffenen noch ihren Freunden bewusst. Zwei Neuenhauser Familien
schien es jedoch ratsam, nach Holland auszuwandern. Nach den
vorliegenden Unterlagen meldeten sich die Familien Salomons und van
Coevorden (Julius) am 17.1.1939 nach Haaksbergen bei Almelo ab. Einige
Wochen vorher war Julius Frank nach Holland verzogen, vermutlich, um
dort die Möglichkeit einer neuen Existenz zu erkunden; seine Frau und
der Sohn blieben in Neuenhaus zurück.
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Das unbefangene Miteinander hörte endgültig auf. Begegnungen unter
Nachbarn fanden wohl nur noch statt, wenn beide Seiten sich unbeobachtet
glaubten. Gewiss gab es Gespräche über den Gartenzaun, kleine
Hilfen, Besorgungen, Besuche im Schutz der Dunkelheit. Es gab Eltern,
die sich vor ihren aufgehetzten Kindern hüten mussten. Der Gärtnermeister
M., der täglich nach Nordhorn fuhr, hatte gelegentlich einen jüdischen
Fahrgast, der außerhalb der Stadt an der Nordhorner Straße zusteigen
durfte und vor Nordhorn aussteigen musste.
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B. aus Lage drohte man: "Wenn ich noch einmal sehe, dass Sie sich
mit einem Juden unterhalten, werde ich dafür sorgen, dass Sie dazu bald
keine Gelegenheit mehr haben!" Die Drohung musste ernst genommen
werden. Nein, man bestrafte nicht immer gleich, aber der so
Angesprochene musste bei Unbotmäßigkeit in ganz anderem Bereich und
insbesondere bei beruflichem Ehrgeiz mit dem hervorragenden Gedächtnis
der Partei rechnen. Ein Neuenhauser berichtete: " In der Vogtstiege begegnete mir
Jakob, der aus seinem Garten kam. 'Tag Jakob, wie geht's Dir? Lange
nicht gesehen!' Jakob streckte mir die Hand entgegen, blieb aber
nicht stehen. "Wir dürfen nicht miteinander sprechen, das wird für
dich und mich gefährlich. Auf Wiedersehen!"
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Der letzte jüdische Mitschüler Günther Frank hatte es schwer. Sein Großvater
brachte ihn morgens zur Schule und holte ihn mittags ab, um ihn vor
Mitschülern zu schützen. "Meine Tochter kam mittags oft weinend
heim, weil die Jungen den Günther so gequält, ihm das Frühstücksbrot
aus der Hand geschlagen und es zertrampelt haben!"
Eltern, die aufgefordert wurden, ihren Sohn nicht mehr mit Günther, dem
Nachbarsjungen, spielen zu lassen: "Und Günther stand und wartete
mittags auf seine Spielkameraden. Aber wir wagten es nicht mehr".
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"Die beiden alten Brüder van der Reis kamen von ihrem Acker, Sie
zogen einen Handwagen, der mit Kartoffelsäcken schwer beladen war. Zwölf-
bis vierzehnjährige Jungen machten sich daran, den Wagen festzuhalten,
zurückzuziehen. Es dauerte einige Zeit, bis sie davon abließen.
Niemand wagte, sie zurechtzuweisen."
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"Van der Reis, passionierter Gärtner, kam und bot meiner Mutter
eine große Schüssel schöner Erdbeeren an, 'Ich würde sie gerne
nehmen. Aber Sie wissen ja, mein Sohn arbeitet bei ... Und wenn das
jemand erfährt' ".
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"Mit dem Spätzug fuhren wir abends nach Nordhorn zum Nachtdienst.
Juden, die ihre Neuenhauser Verwandten besucht hatten, fuhren mit.
Bitterkalte Winterabende. Die Juden durften die Abteile nicht betreten,
sie standen draußen auf der offenen Plattform."
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"Neuenhauser Spießbürger schlimmster Sorte", den
Einheimischen als Nazigegner bekannt, in einem Flugblatt mit ihren
Spitznamen aufgeführt, werden als "bekannte Volksaufwiegler"
bezeichnet. In einem vom Verfasser erdachten Gespräch wagen sie Kritik
zu üben an den Vorgängen in der Kristallnacht, geben Informationen
weiter, die sie aus dem (natürlich verbotenen) Moskauer Sender
beziehen, pflaumen einen aufrechten Hitlerkämpfer an. Die
"allmorgendliche Meckerei der bewussten Nichtstuer und
Volksaufwiegler" findet vor der Aral-Tankstelle statt. "Es
wird soweit kommen, dass das große Schild dieser Garage über kurz oder
lang die Aufschrift "geschlossen" tragen wird."
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Ein Neuenhauser Bürger wird aus seinem Dienst entlassen, weil er sich
als SA-Mann weigert, an einer bestimmten SA-Veranstaltung teilzunehmen
und weil er in einem Wortwechsel mit einem stark in der Partei
engagierten Konfektionskaufmann gesagt hatte: " Ik koap leever bi
de Jödde as bi di" Damit war für seine Behörde das Maß des Erträglichen
voll: fristlose Entlassung!
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In der sogenannten Kristallnacht wurden die Synagoge zerstört, Geschäfte
und Wohnungen der Neuenhauser Juden böse zugerichtet. Man versuchte,
Feuer an die Synagoge zu legen. Der Führer der Feuerwehr sah die eng
anliegenden Häuser in Gefahr und erhob Einspruch. So zerschlug man Türen
und Fenster, drang ins Gebäude ein und zertrümmerte die Einrichtung
des Andachtsraumes. Gestühl, Tische, Podeste, Leuchter, das Dachgebälk,
Gebets- und Andachtsbücher versuchte man im Gebäude zu verbrennen, z.
T. warf man sie auf die Straße. Durch den Lärm aufgestörte
Zuschauer fanden sich ein, einige lachten, andere zeigten bekümmerte,
auch entsetzte Mienen. Und wer nur einen Hauch von Kritik übte, sah
sich seinen Gesprächspartner erst einmal genau an. "Das Geld wird
mir übergeben l" schrie der SA-Führer.
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Synagoge der
ehemaligen Gemeinde Neuenhaus (Zeichnung: Elisabeth Drees)
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Die in den braunen Uniformen forderten
Umstehende auf, ihre Handwagen zu holen und sich mit Brennholz zu versorgen.
...
„Hol dir das Holz und koch deine Suppe
darauf“, sagte man einer Frau.
„Ich will das Holz nicht.“
„Meinst du, dass du mit dem Judenholz
deine Suppe nicht gar kriegst?“
„Ach, die Suppe wird schon kochen,
aber ich fürchte, dass sie mir nicht schmecken wird.“
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Gedenktafel in der
Klinkhamerstraße in Neuenhaus - Bild: GBiU
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Das Wohnhaus Süskind wurde demoliert,
eine reiche Sammlung alten Porzellans, alter Zinn- und Kupfergefäße,
Schränke, Uhren zerschlagen, zum Teil durchs Fenster auf den Bürgersteig
geworfen. ... Der alte Süskind jammerte und schimpfte: „De Smeerlappen!
De Smeerlappen!“ Seine Tochter, die nach den Ereignissen des Tages nur
noch mühsam sprechen konnte: „Vater, das musst du nicht sagen ! »
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Im Hause Salomons zerschlug man große
Teile der Wohnungseinrichtung, das Radiogerät, holte alles Eingemachte
zusammen, Weckgläser, Krüge mit Sauerkraut und eingelegten
Eiern; was nicht auf die Straße geworfen wurde, zerschlug man drinnen
mit schweren Knüppeln. Nachbarn versorgten die Salomons gegen Morgen
mit Kaffee.
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Eine
ähnlich wüste Aktion erlitt das Haus Steinburg. Hier räumte man zudem
das Geschäft und das Lager aus.
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Glimpflicher
kamen die van der Reis und Frank davon; man begnügte sich im
wesentlichen damit, Türen und Fensterscheiben zu zertrümmern.
Unter den Stößen eines "Wesebaumes" zersplitterten die Türen.
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Aufgeschreckte
Nachbarn sahen verstört zu. Oder sie wurden rasch in ihre Wohnung zurückbeordert.
Oder sie wagten sich gar nicht aus ihrer Haustür. Niemand wagte an
diesem Schreckensmorgen laute Kritik. Die Leise wurde rasch erstickt.
"0 o, wat soll wi de Pottschörties noch düür betalen mötten!" meinte der alte C. Die Mitbürger in Uniform ließen
nicht mit sich reden. Sie führten Befehle aus. Von den treibenden Kräften
unter ihnen verführt, missbraucht, blind, lebt niemand mehr. Einige der
Uniformierten sollen gezwungen worden sein mitzumachen.
Hin
und wieder musste jemand bei den einzelnen Aktionen ermuntert werden:
"K...... hast du Hemmungen?" H. Eichhorn weigerte sich
standhaft: "Das haben meine Eltern mich nicht gelehrt". Es
blieb für ihn ohne Folgen.
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Am hellen Tage, als alle erfahren und sehen konnten, was in der Nacht
geschehen war, gab es Kritik, eine einzige nicht laut und für
alle vernehmlich, aber sehr deutlich und an der zuständigen Stelle. Bei
der Partei erschien eine Neuenhauserin, Frau B. "Heil Hitler!"
grüßte man sie. "An dieses Heil glaube ich nicht mehr." Sie
sprach sehr deutlich aus, dass jetzt nach Zerstörung der Synagogen wohl
bald die anderen Kirchen... Sprach's und gab das ihr verliehene
Mutterkreuz der Partei zurück. Ganz ohne Folgen blieb das nicht, aber
sie kam davon. Sie lebt nicht mehr.
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1942 wurden alle noch in Neuenhaus lebenden Juden in das Haus van der
Reis eingewiesen, hinzu kam noch das Ehepaar Vos aus Uelsen. Die
Entrechteten, Gestoßenen lebten hier in qualvoller Enge. Die es wagten,
dort einzutreten, mit alten Freunden ein Gespräch zu führen,
Botschaften und Grüße von in Holland lebenden Verwandten und Bekannten
auszurichten, sind an den Fingern einer Hand abzuzählen. Ungefähr zwei
Wochen vor dem Abtransport starb, dreiundachtzigjährig, Sophie van der
Reis. Es soll Auseinandersetzungen um die Gestellung des Leichenwagens
gegeben haben.
"Einer der alten van der Reis kam spät abends zu uns, zeigte den
Tod seiner Schwägerin an und bat uns, nicht herüberzukommen,
nicht an der Beerdigung teilzunehmen. Unannehmlichkeiten aller Art
und für alle Teilnehmer seien zu befürchten".
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So
wurde die kleine Gruppe der Trauergäste auf dem Wege zum jüdischen
Friedhof nur von einem einzigen nichtjüdischen Mitbürger begleitet,
dem Fahrer des Leichenwagens. Es war der frühere Ortsgruppenleiter der
NSDAP, der einst leidenschaftlich für die Partei gekämpft, sich aber
u.a. auch wegen der barbarischen Behandlung der Juden mit der Partei
zerstritten hatte. Glückliche Umstände sollen ihn vor dem bösen
Zugriff der Partei bewahrt haben.
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Jüdischer
Friedhof in Neuenhaus im Jahr 2008.
Auf diesem Friedhof liegt auch der
Dichter Carl van der Linde begraben - Bild: GBiU
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Vor dem Abtransport der Juden aus Neuenhaus Ende Juli 1942 erhielten die
Betroffenen die Nachricht, sich bereitzuhalten. Es war wenig genug, was
an persönlicher Habe mitzunehmen erlaubt war - aber Gartengeräte
sollten bereitgehalten werden, eine Anweisung, die genau in das
raffinierte Tarnungssystem der mörderischen Organisation passte.
(Offiziell lief das alles ja unter "Arbeitseinsatz!") Die
Gartengeräte blieben am Ende zurück.
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Diese Tafel am
Ehrenmal in Neuenhaus erinnert an die 22 jüdischen Mitbürger, die im
Nationalsozialismus ermodert wurden. Sie erinnert auch an den ehemaligen
Ortsgruppenleiter der NSDAP Uelsen, den Lehrer Jan-Albert Blekker, der
sich mit der Partei überwarf und ebenfalls in einem KZ starb. - Bild:
GBiU
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Der Bus fuhr um die Mittagszeit vor. Nachbarn, Passanten sahen die Unglücklichen
einsteigen. Es gab Stimmen, die den Vorgang guthießen. Die meisten
schwiegen, besorgt, traurig, entsetzt.
"Auf dem Platz vor unserem Haus wendete der Bus, ich erkannte den
alten Süskind."
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Nein,
zu winken hat keiner gewagt.
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Quelle: Dieser Text ist der Dokumentation
"Reichskristallnacht 1938 - Die Juden in der Niedergrafschaft" entnommen.
Sie wurde von Karl Heinz Meyer und einer Schülergruppe der KGS Neuenhaus
im Januar 1980 erstellt.
Anmerkung: Als Kristallnacht bezeichnet man
die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938. Heute nennt man sie meistens Pogromnacht.
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