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1943
31.1.1943:
Gestern große Gedenkfeier und
Ansprachen; ernste Worte, der
totale Krieg erfordere jede Hand. Goebbels: „Es werden Maßnahmen getroffen,
die den totalen Krieg auf allen Gebieten organisieren."
Die
Sorge schleicht nicht mehr durch die Gassen, sie schreitet vielerorts aufrecht
durch die Straßen.
2.2.
1943: Über
Stalingrad kam das furchtbare Ende. Im Nahkampf fiel dort
General-Leutnant von Hartmann, der uns vor einigen Jahren den großartigen
Vortrag über „Wehrerziehung" hielt; ungewiss das Schicksal von Bekannten,
Joh. Niehaus und Herm. Peters.
20.2. 1943. Gestern
Aufruf zum totalen Krieg, im Sportpalast stimmte die
Jugend mit frenetischem Beifall zu. Am 15. war ich bei Specht, am 12. 2. Wilhelm Frantzen bei mir, aus der Bretagne kommend: es tut gut, sich einmal
rückhaltlos,
ohne Schleier, ohne Illusionen auszusprechen mit Menschen, die den ganzen
Ernst der Lage erkennen.
28. 2.
1943: Ein
Sonntag mit Sonne, Finkenschlag und Meisenruf: erfreuen wir uns
noch wieder daran? Heute sahen und hörten wir das nur.
22. 3.
1943: Friedrich
L. schrieb, sein Ältester gefallen, „in der Kraft, in der Jugend
dahingerafft".
13.5.1943:
Schwere Luftangriffe auf Dortmund und Kassel, und dann hier der
Teufelsspuk in den Lüften, besonders in der letzten Nacht. Die Bentheimer
Eisenbahn erhält oft Beschuss, am 15. 4. unser Nachbar Rosenthal, Lokführer, dabei
schwer verletzt, desgleichen sein Heizer.
16.5.1943: In Afrika ist der Kampf zu Ende. Viele deutsche
Soldatengräber.
21.
5.1943: Heute morgen in aller Frühe im „Urwald" an der Dinkel. Der
Bock kam nicht, kam ihm das ferne
Grollen und Wummern verdächtig vor? Donner?
Sprengungen, Einschläge — heute alles möglich, wie jetzt
bei der Zerstörung der Möhnetalsperre.
29.5.1943: Große Papierknappheit, in
der Schule nur noch wüstes Heftmaterial. Schiefertafeln nicht
aufzutreiben.
4.6.1943: Schwere Angriffe auf
Wuppertal. An den Fronten verhältnismäßig Ruhe. Vor dem Sturm?
Ober das: Wo geht's los? großes Rätselraten.
13.
6. 1.943: Pfingstmorgen, das einst so „liebliche Fest" kam mit
Saatengrün und Blütenpracht. Aber eingeleitet
mit furchtbarem Kriegsorgelkonzert. Gleich nach Mitternacht kamen die
ersten Bomberwellen, nicht abreißendes Dröhnen, Orgeln. Gen Osten und Süden zog der Spuk — oder kamen andere Pulks schon
zurück? Deutsche Jäger dazwischen, Tackern vom M-G., brennende Sterne geisterten
durchs nächtliche Blau. Abschüsse. In der Jahnstraße wurden neun gezählt,
ich sah ihrer fünf. Als bewegten sie sich auf uns
zu, dann herunterschießend wie eine Rakete. Eine feurige Kugel
zerspringt. Der Himmel rot, der Horizont
leuchtet beim Aufschlag auf, als brenne die Welt.
25.
6.1943: „Krieg im Zwielicht", hieß der Vortrag Goebbels,
Leitartikel im „Reich".
Alles voller Spannung, und Vermutung: wo geht's wieder los? Im Osten
nichts Entscheidendes, Adler und Bär scheinen abgekämpft zu sein. Keiner
weiß etwas Gewisses, und jeder will was wissen. Von Erfolgen der U-Boote
hört man wenig mehr, die Abwehr holte den Angriff ein. Heute besuchte
mich Wilhelm Frantzen, erzählte von der Bretagne, von den Menschen niederdeutscher
Art. Brücke möchte er schlagen von Volk zu Volk, den Unfug ausräumen,
den das Vorurteil „Erbfeind" anrichtete.
9.7.1943: In Münster und Gladbach ist's
schlimm, Verwandte fanden hier Unterkunft. Hunderttausende sind
unterwegs.
War
in Itterbecker Moor bei Jan Hindrik Sn. in der Moorkate und bei Jan
Harm W. Alte Anhänglichkeit von 1906. Wie scharf diese einfachen Leute die
Zeit sehen! Ganz so nüchtern wie sie ihre Buchweizenschläge und Torfhaufen
sehen; sie beschämen mit ihrem Scharfblick manchen Hochgelehrten.
19. 7.1943.
Panzerschlachten zwischen Orel und Belgorod. In Sizilien landeten die Feindmächte.
27.
7. 1943: Benito Mussolini ist am 25. zurückgetreten. — Nächtliche
Einflüge. Nun hat's Hamburg schwer
getroffen, grauenhaft muss es dort gewesen sein,
an die 30 000 Menschen sollen nach der Lüneburger Heide geflüchtet
sein.
15.
8. 1943: Im Lande wird die Stimmung schlechter. Viel dienstliche
Inanspruchnahme. In der Nacht zum 1. 8. „Landwachtalarm! In Veldhausen
alles versammeln!" Los im Dunkeln,
Trupps aus allen Gemeinden, angeblich Unruhen in den
Gefangenenlagern. Warten, Stunde um Stunde, bei der Gendarmeriestation.
50 - 70 Mann lagerten am
Straßenrand, auch in den anderen Orten.
Der „Ober" von einem Lager zum andern, keiner wusste, was los war. Die
Pfeifen in Brand. Im Morgendämmern schlafende, wandelnde und steife Gestalten.
Oft rettete der Humor die Stimmung, um 7 Uhr vorläufig entlassen.
— Den 8. Versammlung der Amtswalter in Nordhorn für den ganzen Kreis.
Gaupropagandaleiter sucht, was sehr nötig, die Stimmung zu heben. Heute
Sonntagvormittag, Tagung der Amtswalter für Volkstumsfragen,
Be- handlung
und Gefahren der Ostarbeiter. Freitag abends Landwachtstreife. Kontrolle
der Landstraßen.
31.8.1943:
Ich flüchtete in die Stille der
Heide nach Hesingen, um nichts vom
Krieg zu hören, und doch in der Ferne, Richtung Küste, Wummern und Bersten
wie 1916 in Flandern;
selbst dahin verfolgt uns die harte Zeit.
12.
9.1943: Italien bedingungslos kapituliert.
4.10.1943: Höre,
dass Willi Meckelnburg und Ludwig Denke gefallen sind.
10.
10. 1943: Der Krieg ist überall. Heute Wagenfahrt durch den
goldenen Herbsttag
nach dem Hoalboom bei Uelsen, weithin Sonntagsfriede. Dann Motoren,
Flieger, anfangs unsichtbar hoch, glitzernde, weiße Vögel. Jäger, Schießen,
Einschläge und Donnern.
So
auch vorgestern, als ich mit den Schülern in Grasdorf Drogen sammelte. Großangriff der Amerikaner auf Bremen. Luftschlacht über uns in
7000 n Höhe, 60, 70 Flugzeuge.
MG-Geknatter,
Rauchfahnen, Aufheulen niederstürzender Maschinen, leider
deutsche Jäger, drei hier in der Niedergrafschaft,
unter anderem
Oberst Philipp, der Sieger in 206 Luftschlachten, in Wielen abgestürzt, erkannt am Eichenlaub mit
Schwertern.
13.11.1943: Der
Krieg geht weiter.
Man möchte sich von ihm absetzen, aber es geht nicht. Heute
Vormittag
während des Unterrichts, das bekannte Heulen in der Luft, anschwellend, immer stärker, heimkehrende Bombengeschwader, hoch unter den
Wolken kleine, weiße Vögel mit nachschleppendem Schweif, Kondensstreifen,
rotten- und staffelweise. Schnelle Jäger dazwischen, und darüber 10, 20,
30 neue Staffeln. In der Ferne trudelte ein Flugzeug ab, überschlug sich immer
wieder. Ängstliche und noch mehr neugierige Gesichter, Mütter zogen ihre
Kinder in den Keller. Die Kette riss nicht ab. In Nordhorn fielen Brandbomben,
zwei Höfe brannten: Krieg im 20. Jahrhundert.
17.
11. 1943: Es gehen viele Briefe und Karten hin und her, von der Front ins
Lehrerhaus und umgekehrt. Oft gleichförmige Zeilen, die gezwungen klingen. Mein Freund Derk, ich
nannte ihn Jörn Uhl, schreibt Briefe, richtige Briefe. Er
grübelt wie Frenssens Törn vom Uhlenhof und schreibt Verse. — Von Strötkers
Hof in Grasdorf fiel der Hoferbe, der mir von der Landwirtschaftsschule in
lieber Erinnerung ist, desgleichen Hofste von der Lager Neustadt.
- Viel
Landwachtdienst, nächtliche Streifen. In der Schule Behelfsunterricht.
2.
12. 1943: Abends gegen 7 Uhr schwere Einflüge, Schießen, heller Feuerschein,
dass Häuser und Straßen aus dem Dunkel aufleuchteten. Zwischen 10-11
Uhr kamen die „Häuserblock-Knacker" zurück. Brandbomben fielen zwischen
Neuenhaus, Veldhausen und Binnenborg.
8.12.
1943: In der Nacht auf den 4.12. hatte ich Rathauswache, nach Mitternacht
anhaltende Einflüge; Dienst verlängerte sich endlos.
16.12.
1943: Wie am 2.12., das gleiche Brausen in der Luft, Abschüsse, dröhnende
Aufschläge, dass allenthalben die Scheiben klirrten. Von der Hauptstraße
sah ich einen Abschuss, die Munition explodierte in der Luft, gewaltiges Feuerwerk
in Richtung Wilsum. In Emlichheim soll's schlimm hergegangen sein.
26.12.1943:
Wieder Weihnachten, das fünfte Mal im Kriege, eingeleitet in
den frühen Morgenstunden des 24.12. durch höllisches Luftkonzert, Angriffe
auf Berlin und Leipzig. „Friede auf Erden und den Menschen ein
Wohlgefallen!" Aus dem Geist von Bethlehem kam diese Katastrophe
nicht über die Menschen.
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