|
Die
Grafschaft Bentheim in der Geschichte
|
|
Dem Ende
entgegen
|
|
von
Ludwig Sager |
|
Den
Verlauf der letzten Wochen der 2. Weltkrieges hat der Neuenhauser Lehrer Ludwig
Sager in kurzen Notizen festgehalten. Im Zentrum seines Berichts stehen
Ereignisse in Neuenhaus. Der 1886 in Schüttorf geborene Sager hatte jedoch
nicht zuletzt wegen seiner vielseitigen heimatgeschichtlichen und literarischen
Interessen viele Verbindungen in die übrige Grafschaft, so dass er auch auf
Ereignisse in anderen Orten eingeht. In den letzten Kriegsmonaten wurde Sager,
damals 59 Jahre alt, zum "Volkssturm" einberufen. Sein 1955
erschienener Bericht wird hier leicht gekürzt wiedergegeben.
|
|
"28.12.1944
- Die "fröhliche, selige
Weihnachtszeit" war gar nicht so fröhlich. Auch der Gottesdienst
verlief nicht ungestört; gleich zu Beginn der Predigt heulte die Sirene
auf, die Kirche musste sofort verlassen werden. |
|
31.12.1944
- Heute, Sylvestertag: Dienst im Volkssturm.
Um 7 Uhr bei klarem Frostwetter los. Ausbildung im Gelände zwischen
Wilsum und Uelsen. Bitterkalt, z. T. Schneetreiben. Schießen,
Schießlöcher, Deckung, Tarnen, taktische Aufgaben u. s. f. Schluss auf
dem Steenebarg, wo wir vor 34 Jahren Fußball spielten. Begleitmusik von
Fliegern nötigten uns mehrfach in Deckung. Gegen 5 Uhr nachmittags,
ziemlich verfroren, kamen wir alten Kerle zurück. |
|
2.1.
1945 - Mit dem bekannten Heulkonzert in der Luft fing
das neue Jahr an. Deutsche Flieger rasten in geringer Höhe westlich. Als wir in
der Kirche waren, kam dann die Feindseite, öffentliche Luftwarnung, und so ging
es den Tag am laufenden Band weiter. Abends der Horizont voller
"Tannenbäume", Leuchtzeichen, Leuchtkugeln, Motorenspuk, brennend
abstürzende Ju 88 in Richtung Veldhausen, Piloten gerettet.
|
|
5.1.1945
- Wie den ganzen Tag auch jetzt am Abend die Luft
voller Motorengeräusch, kurz vorher noch Entwarnung, gleich darauf Voralarm und
Vollalarm. Am Bahnhof in Neuenhaus steht leichte Flak, immer wieder bellte sie
auf. Der Bahnhof in Nordhorn von zwei Bomben getroffen.
|
|
16.1.1945
- Viele Trauernachrichten, u. a. Paul R. gefallen, der
große Junge, der noch vor wenigen Wochen bei mir saß. Vermisst in den Ardennen
Gerd H. Ist's nicht erst einige Jahre her, als ich ihnen von Rotkäppchen
erzählte?
|
|
22.1.1945
- 23 Uhr. Kam es im Osten zur Katastrophe? Gerade
Anruf von Bentheim: Auf den letzten Zug warten, unsere Nichte mit Familie, von
Leslau und Posen flüchtend träfen ein.
|
|
6.2.1945
- Vor drei Tagen Volkssturmdienst beim Judenfriedhof,
zwei Tiefflieger kurvten ein, Deckung im Wäldchen, beschossen Auto in Hilten,
ein Toter, sechs Verletzte, holländische Arbeiter, die ins Wochenende fuhren.
|
|
13.2.1945
- Ich muss für zwei Wochen mit zum Isterberg.
Überall die Stimmung so trübe und dunkel wie der nasse Februartag. Dazu habe
ich Nachricht, dass mein Neffe D. in Italien vermisst ist - ich mag's der
Schwägerin noch nicht mitteilen.
|
|
17.2.
1945 - Wir schanzen oben am Isterberg. Hunderte
wühlen den Boden auf. "Igelverteidigungsstellung" soll das werden.
Wir zerstören den Wald, der sich hier aufbaute.
|
|
25.2.1945
- Wir holzen immer noch am Isterberg, das große
Lagerfeuer vereint oft Schanzer und Holzfäller, die wie die Pest die Arbeit
verwünschen, macht sie uns nicht schuldig? Zuweilen knallts auch, gestern
Schießen ringsum. Fiefflieger griffen die Frühzüge an, über Tag fahren keine
Personenzüge mehr, zwei lagen unbeweglich auf der Strecke. Flakschießen,
englischer Jäger stürzte beim Bahnhof Neerlage ab. In Richtung Klausheide
brannte es. Rauchmassen: Öl? Munition? Auf den Straßen Angriffe auf Gespanne
und Autos, Tote und Verletzte.
|
|
11.3.1945
- Wieder zwei Gefallene, die noch vor wenigen Jahren
vor mir in der Schule saßen: Karlchen L. und Heinz St., 18 Jahre alt.
|
|
14.3.1945
- Ein Divisionsstab aus Holland soll nach Neuenhaus
kommen, allenhalben Quartiere bestellt, die Schulklassen ausgeräumt. Keine Post
mehr, Bahnstrecke nach Rheine zerstört. Gestern mit dem "Volkssturm"
im Wäldchen auf dem Judenfriedhof viel Holz gefällt für
"Panzersperren". Die Unterhaltung ist deutlich, keiner legt sich mehr
Reserve auf. Täglich schwere Überflüge. "Panzersperren" beim
Flutwerk, bei Dr. Hatger vor der Brücke, bei Brookmann vor der Teichbrücke und
bei Ww. Vennebrügge - reformierte Kirche, schade um das Holz!
|
|
15.3.1945
- Beileidsbriefe an die Familien M. und H. in Lage,
Söhne gefallen; bei der befreundeten Familie W. in Lemke nun auch der zweite
und letzte - was soll man da zum Trost schreiben? - Beim Angriff auf Nordhorn
viel Materialschaden, etwa 30 Häuser sollen abgebrannt sein.
|
|
29.3.1945
- Die Jugendlichen der Jahrgänge 1929/31 liefen mit Gestellungsbefehlen
umher, sollen für 3 Tage Marschverpflegung mitbringen. Wohin? Keiner weiß es.
Allgemeine Erregung.
|
|
30.3.1945
- Beim Abtransport der Jugendlichen, die nur teilweise erschienen, Weigerung
und erste offene Auflehnung.
|
|
31.3.1945
- Auf der Sparkasse: Jeder will Geld abholen, um fürs erste versorgt zu
sein. Es gibt nur 250 Mark. In den Lebensmittelgeschäften toller Andrang. Der
"Volkssturm" steht an den Sperren. Gestern fasste die örtliche
Leitung den Beschluss: Keine Verteidigung beim Anrollen der Panzer, es liegen
genug Städte in Trümmern. Die Verantwortlichen rechnen sich nicht zur
"Hitler-Jugend", die noch Palmsonntag, den 25. 3. - zum letzten Mal -
mit Standarten und Trommeln durch die Stadt marschierte und sang: "Wir
werden weiter marschieren, wenn alles in Trümmer fällt --" Von Schüttorf
und Nordhorn höre ich, dass viele aufs Land ziehen, auch Wertsachen
unterbringen.
|
|
1.4.1945
- Ostersonntag. Straßen liegen unter Fliegerbeschuss.
Durchzüge von Soldaten, die von Holland kommen, das fluchtartig geräumt wird.
Bilder des Jammers: Karren, Pferdegespanne suchten sich durch Regen und
Dunkelheit den Weg, die ganze Nacht. Viele Verwundete aus geräumten
Lazaretten.
|
|
3.4.1945
- Gestern
und vorgestern Ostern, aufregende Tage. Eine Alarmnachricht
jagte die andere. Feindliche Panzerspitzen drangen bis Grasdorf vor,
kamen von der Denekamper Straße, Lage/Neustadt, erschreckten die überraschten Passanten. Ich hatte gerade die Straße gekreuzt, um noch einige
gute Sachen nach Holland in Sicherheit zu bringen. Lager Neustadt leichte
Schießerei. Strohdieme brannte, Hermann E. dabei Nackenschoß. Sonst im
allgemeinen ruhiges, vorsichtiges Abtasten und vorsichtiges Verhalten der
Panzerjäger. Pioniere wollten in diesen Tagen Zündschnüre und -kapseln beim
Flutwerk legen, suchten abends spät die
verantwortlichen Stellen auf. Auskunft: Hier
bereits geschehen, laut Befehl erfolgt Sprengung, sobald die Panzer sich
von Lage und Neuenhaus in Bewegung setzen. Volkssturmführer H. N., schnell telefonisch
verständigt, bestätigte die Auskunft. Man gab sich damit zufrieden.
Damit vorerst die Gefahr gebannt. — Der Volkssturm hat seine Funktion
eingestellt. Wer um diese Dinge weiß, trägt sein Wissen nicht breit in
die Menge. Nur wenige decken das gefährliche Spiel.
|
|
4.4.1945
- Morgens
früh. Gestern allgemeine Auflösung. Die Geschäfte bestürmt,
überall gab's doppelte Portionen Speck, Fleisch, Nährmittel, Geschäfte
sollen möglichst geräumt werden. Tabak: pro Abschnitt 1/2 Pfund, das
lohnt sich. Einkaufen und versorgen. Heute soll's Schnaps geben. Großer Betrieb
an der Bahn, Güterzug kann nicht fort, wer bei der Hand ist, holt sich
einige Zentner Roggen. Auch Butter in rauen Mengen, ehe sie in feindliche Hand fällt.
—Textilwaren werden ausgegeben, Schlangen vor den Geschäften. Alle
mit Handtaschen unterwegs, wie im Bienenkorb summt's auf den Straßen:
der Feind vor den Toren!
|
|
4.4.1945
- Vormittags plötzlich
3 feindliche Späh= und Funkwagen in der Stadt,
Richtung Veldhausen. Fahrer und Beobachter verbissen nach allen Seiten
ausspähend, Kopfhörer, Mikrophon.
|
|
5.4.1945
- Vormittags,
nach Fliegerbeobachtung, wieder 4 kleine Panzerwagen in der Stadt.
Nachmittags folgte die Masse, große und kleine Raupenpanzer,
Kanadier. Vorbeirasende Motorfahrer. Am Bahnhof bogen die Spitzen
ein, andere auf Meckelnburgs Hofplatz, mehr und immer mehr. Ließen den Bürgermeister
holen, Dolmetscher, Verhandlungen. Ausgehverbot nach 19 Uhr, sofortige Abgabe aller Waffen. Marktplatz, Hinter- und Mühlenstraße
überall breit gelagert bei Benzinfeuer, unheimliches Bild. Dumpfe
Stille, nirgends Widerstand. Kein Schuss fiel. — Wir sitzen abends bei
Kerzenschein, Licht abgeschaltet. Im Hause M. nur Frauen, rund herum liegt
alles voll, auf Wunsch bleibe ich. Spät abends verlangen 9 Soldaten Quartier,
überzeugen sich erst, dass keine deutschen Soldaten versteckt sind, wobei
ich mit ihnen durch Keller und Boden gehe. Die Spannung reißt an den
Nerven, wir zwingen uns zur Ruhe, hocken uns zusammen. In der Nacht blieb's
ruhig, keine Ausschreitungen.
|
|
6.4.1945
- „Alle männlichen Personen dürfen ab
sofort das Haus nicht mehr verlassen!" So wurde vormittags durch Ausklingeln
bekannt gegeben. Also Ausgehverbot, für mich
Zeit und Gelegenheit, den Ablauf dieser bewegten Tage aufzuzeichnen.
Was führte
zu dem Verbot? Es soll nachts von deutscher Seite geschossen
worden sein. Tolle Gerüchte: jeder zehnte Mann wird füsiliert! In diesem
Zusammenhange sind heute 3 Jugendliche, 15-16
Jahre alt, geholt und verhaftet
worden, die Waffen mit sich geführt haben sollen und angeblich die
bislang ruhige Abwicklung gefährdeten. Abends
19 Uhr. Seit 1 Stunde heftiges Geschützfeuer in Richtung Lingen.
Die Menschen stehen an den Türen und horchen. Kommt die Schlacht,
wieder zurückgehend, auf Neuenhaus zu? Von vielen gefürchtet, von
wenigen erhofft.
|
|
7.4.1945
- Ein Gerücht
jagte das andere, grade wie die Panzer den ganzen Tag hin- und herjagten
und Straßen und Fußsteige schwer mitnahmen. Ausgehverbot aufgehoben, die Männer haben sich sofort auf dem Rathause zu
melden. Spaten mitbringen. 50Mann müssen Straßen Instandsetzen, Sperren
wegräumen. Dabei hilft jeder gern und deckt sich mit Brennholz ein.
Dann plötzlich
alarmierende Parolen, die alle künstliche Ruhe und Fassung
aufscheuchen: „Deutsche Truppen in Coevorden, Lingen, Klausheide,
Schüttorf; Nordhorn muss in 10 Minuten geräumt werden, Neuenhaus ist
eingeschlossen, hier kommt's zum Kampf!" Für einige Stunden war's dann
mit der Ruhe vorbei. Gerüchte — kommend, aber auch wie Wind vergehend.
Übergriffe
trotz strengen Verbotes. Uhren, Schinken fortgenommen. Der
Kommandant auf dem Rathause sagt Abhilfe zu und tut sein Bestes. Er
ist holländischer Abkunft und wird viel beansprucht. Wir sind abgeschnitten.
Von
Bekannten und Verwandten außerhalb erfahren wir nichts, nichts von
Schüttorf, Bentheim.
|
|
9.4.1945
- Der gestrige Sonntag verlief ziemlich ruhig.
Männer wieder zum Arbeiten an den Straßen,
Kolonnen nach Rühlertwist verfrachtet, wo Panzer im Moor versackt. —
Richtung Veldhausen Panzer über Panzer, die Bordsteine fliegen nur so.
Die Übergriffe
mehren sich. In H. eine Frau vergewaltigt. Eindringlinge
haben böse gehaust, Schränke aufgebrochen, Geld, goldene Uhren genommen, unter
Drohungen mit der Pistole Schnaps gefordert. In der Bahnwerkstätte
sieht es wüst aus, Kommandantur bemüht sich, Ordnung zu schaffen, kann aber
den vielen kanadischen Truppen nicht überall auf die
Finger sehen.
|
|
10.4.1945 -
Von Lage höre ich: Am Sonntag, dem 8. 4.
kamen Holländer in Uniform nach der Lager
Neustadt unmittelbar an der Grenze, beschlagnahmten Kühe, die gestern in
Denekamp abgeliefert werden sollten. Große Aufregung. Die Betroffenen sind hier beim Kommandanten vorstellig
geworden, der sich dann einschaltete und alles eigenmächtige Requirieren verbot.
|
|
11. 4.1945
- Nachricht aus
Schüttorf, dort war's schlimm, da die Stadt verteidigt
werden sollte, Artilleriebeschuss, Sprengungen, besonders Marktplatz und Windstraße.
Plünderungen von Soldaten und Zivilisten. Viele saßen tagelang im
Keller.
Bahn, Post, Schule, Sparkasse — alles
ruht. Heute dampfte eine Lok, Probefahrt nach Emlichheim, Versuch des
Kommandanten.
|
|
13.4.1945 -
Seit gestern hört man von schweren
Ausschreitungen polnischer Soldaten in Wielen, Egge, Itterbeck, Uelsen, Lemke, Gölenkamp,
selbst an der
Straße hier in Hilten. Überall Hausdurchsuchungen, angeblich nach Waffen,
dann Radios, Schinken, Würste, Kleidung geräubert. Mädchen nicht
sicher vor der Soldateska. Heute sogar Autos mitgeführt, Schweine erschossen,
aufgeladen und mitgenommen. Der sein Recht Suchende kriegt dann
zu hören: So habt ihr es auch gemacht! Der
Kommandant ist zuweilen persönlich dazwischen gefahren, nicht jeder
Fall ist nachträglich aufzuklären. Kommandantur auf dem Rathaus für uns ein
gewisser Schutz. Kommandant van Dyk, ein gebürtiger Holländer,
Major in einem kanadischen Artillerie-Regiment, verhütet oft das Schlimmste,
berät sich mit politisch Unbelasteten, hört sich jede Klage an. Beim
Rathaus geht's ein und aus.
|
|
16.4.1945 -
In der
Stadt Ruhe. Die Posten an den Brücken langweilen sich. Stadtkommandant
wohnt mit großem Gefolge in Sickermanns Hotel; Gasthof
Teismann, Schule: alles belegt. Im Bezirk Uelsen, heißt es, haust weiter die
polnische Division. Uelsen musste plötzlich 150Anzüge und ebenso viel Kleider
liefern. Bauern bedroht, sollen goldene Uhren herausrücken, mussten selbst ihr
Grab schaufeln — in Höcklenkamp und Hardingen —, um sie zu
ängstigen, ließ sie dann höhnend stehen. Wie hier wurden vielfach unbeliebte
Arbeitgeber von den Fremdarbeitern denunziert.
|
|
19.4.1945
- In diesen
Tagen rollender Nachschub an Panzern. Da
dröhnen die Straßen, rasseln die Gleitketten, zermahlen Pflaster und Fußsteige,
alles ist motorisiert. Benzinkanister türmen sich an den Seiten zu
Bergen. Auf der Lager Straße ist oft kein Weiterkommen.
|
|
22.4.1945
- Am 20.
4.
ist Rechtsanwalt Arends als Bürgermeister
und Kaufmann H. Nyenhuis als
Beigeordneter eingesetzt. In solcher Notzeit undankbare Ämter.
|
|
26.4.1945
- Die
Verhaftungswelle flutet weiter, die Zellen im Amtsgericht füllen
sich. Heute waren die Uelser an der Reihe, die in der Partei ein Amt bekleidet
hatten; auch mehrere Lehrer von auswärts, denen der Zufall ein harmloses
Amt gebracht.
|
|
27.4.1945
- Gestern,
an ungezählten Panzern vorbei, in Schüttorf gewesen, das
von zurückgehenden Truppen einige Tage verteidigt worden ist. Der erste
Blick auf das ausgebrannte Rathaus mit den rauchgeschwärzten Mauern,
auf die Windstraße, auf die gesprengten Brücken, auf den Turm mit
den vielen Einschlägen: das Bild einer zerstörten Stadt. Abends, von Schüttorf
heimgekehrt, das Gerücht: Die ganze
Grenzzone muss geräumt werden für
die holländischen Bewohner der überfluteten Inseln. Müssen wir packen?
|
|
28.4.1945
- Seit 14 Tagen große Scherereien wegen Ablieferungen. Anfangs von
der Stadt gefordert 3000 - 4000 volle Garnituren für die Fremdarbeiter und K.Z.-Häftlinge,
Anzüge, Schuhe, Unterzeug. Dann das Soll erhöht auf 1200 Garnituren.
Furchtbare Aufregung, Arbeit und viel böses Blut wegen der Umlage
auf die Familien. Am 23. und 24. 4. Sammlung
der gebündelten Sachen in der Alt- und Neustadtschule. Die ganze Last spürten
erst die Verantwortlichen auf dem Rathause.
Heute gingen
mit Pferdegespannen nach dem Lager Alexisdorf: 800 Brote,
Kälber, Schweine, einige hundert Decken, Essgeschirre, Teller, Tassen, laut
Befehl des Kommandanten vom 26. 4. von jedem Haushalt der Stadt zu liefern.
Als Begleiter dem Fahrer zugeteilt, sah ich dort die bunte, schadenfrohe
Gesellschaft der höhnenden Fremdarbeiter, die sich nun als Herrenschicht fühlt.
|
|
5.5.1945
- Das
deutsche Heer in voller Auflösung; Hitler und Göbbels tot; Dönitz übernahm
die Regierung, melden fremde Sender. Widersprechende Nachrichten. Kein deutscher Funk meldet mehr, Bahn und Post arbeiten nicht.
|
|
6.5.1945
- Kommandantur
im Rathaus ist aufgelöst, zuständig hinfort Nordhorn.
Hilfsamt nach dem Rathaus verlegt, seine Räume freigemacht für
holländische Soldaten aus Kanada. — Anfang der Woche Brückenwachen
eingezogen. Auf den Straßen ist's ruhig, keine Durchzüge mehr, ohne
Gefahr kann man Uelsen, Lage und Veldhausen erreichen.
|
|
7.5.1945
- Die Plünderungen
im Grenzbezirk haben ziemlich aufgehört. Neue,
drohende Sorge: ein Grenzstreifen von 300 - 5000 m soll als tote Zone
vermint werden, die dort Wohnenden müssen räumen.
|
|
9.5.1945
- Ich war heute
in Lage. Was ich oft auf Bildern und im Kino gesehen,
lange Trecks von der Scholle vertriebener Bauern, erlebte ich heute im
Dorf an der Dinkel. Ein totes „Niemandsland" ist zwischen Holland und
Deutschland gelegt. Dazu das Land enteignet, das jenseits der Grenze liegt
und deutschen Bauern gehört, die damit oft 25 - 50 % ihres Besitzes verloren.
|
|
10.5.1945 - Der
Krieg ist aus, ist verloren. Am 7. 5. in Reims die bedingungslose
Kapitulation unterzeichnet. Was das hieß, schien keines Aufhebens wert zu sein;
nach außen hin war alles auffallend ruhig."
|
|
Quelle:
Ludwig Sager, Dem Ende entgegen, Bentheimer Jahrbuch 1955, S. 74 bis 81 (hier
leicht gekürzt wiedergegeben)
|
|
zurück |
|