Die Grafschaft Bentheim in der Geschichte


Hochwasser in Nordhorn im Februar 1946 

Gekürzter Bericht des Schülers Ernst Hillmer, Burgschule, Klasse 8

Mit ungeheurer Geschwindigkeit stieg das Wasser. Im Nordhorner Hafen konnte man das gut beobachten. Von Minute zu Minute verschwanden mehr und mehr die Ufereinfassungen. Nachmittags gegen 14 Uhr drang das Wasser über die Firnhaber Straße und die Bleiche in die Hauptstraße. Die Kanalisation konnte die Wassermengen nicht mehr schlucken, mit größter Geschwindigkeit liefen die Keller der großen und kleinen Häuser der Hauptstraße voll. Kaum konnten die Geschäftsleute ihre Waren in Sicherheit bringen. Den Privatleuten gelang es in den wenigsten Fällen, Kartoffeln, Eingemachtes und Brennholz zu bergen.

Hochwasser an der Vechte südlich Nordhorn in den 1930er Jahren

Und immer noch mehrten sich die Meldungen, dass das Wasser im Steigen begriffen sei. Die Sirenen der Stadt ertönten, Menschenleben war in Gefahr. Fieberhaft arbeiteten die Leute an der Abdämmung ihrer Türen und Keller, aber alles war vergebens. Mit ungeheurer Wucht durchflossen gelbbraune Wassermassen unsere Stadt. Hier trieb Torf, dort schwamm Holz. In letzter Minute wurden noch einige Pferde, die schon bis zum Bauch im Wasser standen, in Sicherheit gebracht. Inzwischen hatten die Fluten an unserer Hauswand einen Stand von über 80 cm erreicht. Sämtliche zu ebener Erde gelegenen Wohnungen waren durchflutet. Ängstlich hatten die Bewohner sich in die oberen Räume gerettet.

Ab 14 Uhr des 9. Februar war jeder Verkehr durch die Hauptstraße unserer Stadt lahm gelegt. Kein Auto, kein Fuhrwerk konnte die zur Stromschnelle gewordenen Straßen passieren. Um 20 Uhr brach die Vechtemauer auf dem Schulhof der Burgschule, und noch immer stieg das Wasser. In banger Sorge guckten am nächsten Morgen die Bewohner aus dem Fenster. Sie sahen nichts als Wasser. Hier und da stiefelte ein Unerschrockener bis zum Leib in der kühlen Flut. Einige Jungen fuhren in Booten durch die Hauptstraße.

Am Montag, dem 12. Februar, war das Wasser dann so weit gefallen, dass man die Straße betreten konnte. Jetzt erst sah man die große Vernichtung durch das Wasser. Der schöne Mühlendamm war total unterspült, die Wurzeln der uralten Eichen waren bloß gelegt, die riesigen Steinblöcke an der Ölmühle zum Teil weg gerissen, die Gärten und Wiesen versandet. Seit 100 Jahren wurde in unserer Grafschaft ein derartiges Hochwasser nicht beobachtet.

Quelle: 

Gerhard Schmidt, Heimatkundliches Lesebuch für die Volksschulen des Kreises Grafschaft Bentheim, Nordhorn o. J.

zurück